Gib! (26. März 1944)

Wer von all den Menschen, die in warmen und gemütlichen Zimmern wohnen, hat eine Ahnung davon, was für ein Leben Bettler erdulden?
Wer von all den «lieben» und «guten» Menschen hat sich je gefragt, wie das Leben von so vielen Kindern und Menschen um sie herum ist? Gut, jeder gibt mal einem Bettler einen Groschen, doch meistens wird es ihm roh in die Hand gesteckt und die Tür zugeworfen. Und meistens findet es der gute Spender noch widerlich, diese Hand anzufassen! Ist es wahr oder nicht? Und später wundern sich die Menschen darüber, dass die Bettler so unverschämt sind! Würde nicht jeder frech werden, der eher wie ein Hund als wie ein Mensch behandelt wird?
Es ist schlimm, sehr schlimm, dass in einem Land wie den Niederlanden, das sich seiner guten sozialen Gesetze und einer anständigen Bevölkerung rühmt, die Menschen einander so behandeln. Ein Bettler ist für die meisten bessergestellten Bürger minderwertig, jemand, der schmutzig und ungepflegt ist, frech und ungezogen. Aber wer von all diesen Menschen hat sich einmal gefragt, wie diese Bettler so geworden sind?
Vergleichen Sie mal Ihre eigenen Kinder mit den Bettelkindern! Was ist der Unterschied zwischen ihnen? Ihre eigenen Kinder sind schön und sauber, die anderen ungepflegt und hässlich! Ist das alles? Ja, tatsächlich, darin liegt der ganze Unterschied, aber wenn ein Bettelkind ebenfalls schöne Kleider angezogen bekäme und ordentliche Manieren gelernt hätte, dann gäbe es überhaupt keinen Unterschied mehr!
Alle Menschen sind gleich geboren, alle waren sie hilflos und unbefleckt. Alle Menschen atmen dieselbe Luft, viele glauben an denselben Gott. Und doch ist der Unterschied für viele so unaussprechlich groß! Er ist groß, weil so viele sich nie darüber klar geworden sind, worin der Unterschied eigentlich liegt, denn wenn sie das getan hätten, wären sie schon längst zu der Erkenntnis gekommen, dass es wirklich keinen Unterschied gibt!

Alle Menschen werden gleich geboren, alle Menschen sterben wieder und behalten nichts von ihrem Ruhm auf Erden. Aller Reichtum, alle Macht und alle Größe sind nur für wenige Jahre, warum wird das Vergängliche dann so hartnäckig festgehalten? Warum können die Menschen, die zu viel für ihren eigenen Bedarf haben, dieses Zuviel nicht an ihre Mitmenschen abgeben? Warum muss man es in den wenigen Jahren hier auf der Erde so schlecht haben?
Und vor allem darf man den Menschen die Gaben nicht einfach ins Gesicht werfen, jeder hat ein Recht auf Freundlichkeit. Warum sollte man freundlicher zu einer reichen Dame sein, als zu einer armen? Hat jemand den Unterschied im Charakter der beiden schon herausgefunden?
Nicht im Reichtum oder in der Macht liegt die Größe des Menschen, sondern in seinem Charakter und seiner Güte. Alle Menschen sind nur Menschen, alle Menschen haben ihre Fehler und Mängel, doch alle werden auch mit viel Güte geboren. Und wenn man nun beginnen würde, diese Güte zu vergrößern, statt sie zu ersticken, den Armen auch ein Gefühl zu geben, Mensch zu sein, dann braucht man dafür noch nicht einmal Geld oder Güter, denn das hat nicht jeder zu verschenken.
Alles beginnt mit kleinen Dingen, auch hier kann man mit kleinen Dingen beginnen. Stehe zum Beispiel in der Straßenbahn nicht nur für reiche Mütter auf, nein, übergehe auch die Armen nicht. Sage genauso „Entschuldigung“, wenn du einer Armen auf die Zehen trittst, wie du es für eine Reiche tun würdest.
Es ist nur eine kleine Mühe und doch richtet sie so viel aus. Die kleinen Bettelkinder, die doch ohnehin schon zu kurz kommen, warum sollte man ihnen das bisschen Freundlichkeit nicht schenken?

Jeder weiß selbst, dass ein gutes Beispiel gute Folgen hat, sei nun dieses gute Beispiel, dann wird es nicht so lange dauern und die anderen werden diesem Beispiel folgen. Immer mehr Menschen werden freundlich und freigebig werden, bis schließlich niemand mehr auf die Menschen mit wenig Geld hinunterschaut.

Oh, wären wir doch nur so weit, wären die Niederlande und später Europa und schließlich die ganze Welt endlich zur Einsicht gekommen, dass sie unrecht handeln, wäre die Zeit doch schon gekommen, dass die Menschen einander gut gesinnt sind, in dem Bewusstsein, dass sie alle gleich sind und alle irdischen Dinge nur vergänglich!
Wie herrlich ist es, dass niemand eine Minute zu warten braucht, um damit zu beginnen, die Welt langsam zu verändern! Wie herrlich ist es, dass jeder, klein oder groß, direkt seinen Teil dazu betragen kann, um Gerechtigkeit zu bringen und zu geben!
Wie bei so unglaublich vielem suchen die meisten Menschen die Gerechtigkeit irgendwo anders und murren, weil ihnen selbst so wenig davon zuteil wird.
Öffne die Augen, sei selbst gerecht! Gib selbst, was zu geben ist! Und immer, immer ist etwas zu geben, selbst wenn es nur Freundlichkeit ist! Wenn alle Letzeres geben würden und mit freundlichen Worten nicht so geizig wären, dann würde viel mehr Liebe und Gerechtigkeit in die Welt kommen!
Gib, und du wirst empfangen, viel mehr, als du je für möglich gehalten hast. Gib, gib immer wieder, sei stark, halte durch und gib! Niemand ist je vom Geben arm geworden!
Wenn ihr so handelt, dann werden in ein paar Generationen die Menschen kein Mitleid mehr mit den Bettelkindern zu haben brauchen, denn diese wird es dann nicht mehr geben!
Es gibt Platz, Reichtum, Geld und Schönheit genug in der Welt. Gott hat für alle genug geschaffen! Fangen wir alle damit an, es gerecht zu verteilen!

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