Q&A zum Graphic Diary

Was ist das Graphic Diary?

Das Graphic Diary ist eine Adaption von Anne Franks Originaltext und ausgewählten Dialogen, die auf dem Tagebuch basieren. Das Graphic Diary wurde von Ari Folman und David Polonsky getextet, zusammengestellt und illustriert. 

Das Tagebuch der Anne Frank ist ein Zeitdokument. Weshalb publizieren Sie nun eine grafische Version?

Als der Anne Frank Fonds zusammen mit der Familie im Jahre 2009 entschied, ein Graphic Diary herauszubringen, standen zwei Fragen im Vordergrund: Wie können wir in Zukunft eine junge Leserschaft in ihrer Sprache erreichen, ohne Konzessionen an Werk und darin erwähnte Personen zu machen, und wie kann die Lesebuchausgabe Jugendliche weiterhin erreichen?

Wie kann heute ein Lesepublikum mit einem historischen Text erreicht werden?

Die verbindliche Lesebuchausgabe wird bis heute weltweit  gelesen. In den letzten Jahren hat die Leserschaft sogar zugenommen, gerade auch in Ländern, wo die Auseinandersetzung mit Anne Frank relativ neu ist. Zugleich findet eine Veränderung im Leserverhalten statt. Die Jugendlichen von heute sind anders sozialisiert, wachsen in einem anderen historischen Kontext und mit anderer Vorbildung auf. Bilder werden gerade durch das Internet immer wichtiger. Deshalb die grafische Tagebuchausgabe mit Originaltexten, Illustrationen und Bildern.

Wieso kommt das Buch jetzt heraus?

Wir haben das Projekt mit Blick auf das 70. Jubiläum der Tagebuchpublikation entwickelt. 1947 kam das Tagebuch erstmals heraus, und vor 75 Jahren hat Anne Frank begonnen, das Tagebuch zu schreiben. Im Hinblick darauf wollten wir ein  neues Genre schaffen: das Graphic Diary. Also ein dokumentarisches Zeugnis mit dramatisierten Elementen. Insofern ist das eine absolute Weltpremiere.

Was sagt die Familie von Anne Frank zum Graphic Diary?

Sie hat die Herausgabe von Anfang unterstützt und gefördert. Denn diese Form entspricht der in der Familie seit jeher verankerten Schreib- und Erzähltradition.

ERZÄHLFORM, TEXT UND ILLUSTRATIONEN

Was ist unter dem neuen Genre „Graphic Diary“ zu verstehen?

Das Tagebuch ist eine historische Quelle und kein Roman. Das Graphic Diary würdigt und respektiert diesen Charakter. Wichtig waren also Texttreue, die Wahrung der Integrität von Personen und Geschichte sowie Fakten. Zugleich war aber auch klar, dass Überzeichnungen, Verdichtungen und erzählerische Lösungen nötig sind. 

Das Tagebuch ist ein Zeitdokument und kein Roman. Kann ein Graphic Diary dem Original gerecht werden?

Das Graphic Diary ist eine graphische Lösung mit dem Ziel, das Original und die Zeit in der es entstanden zu erfassen. Zugleich ist diese grafische Adaption eine Verdichtung. Es ist keine wissenschaftliche Ausgabe, basiert aber auf  Erkenntnissen der Forschung. Insofern unterscheidet sich das Grahic Diary vom Genre der „Grahic Novel“ und gleichsam auch von den vielen investigativen dokumentarischen Graphic-Ausgaben etwa zu zeitpolitischen Themen.

Welche Inhalte zeigt das Graphic Diary?

Das Graphic Diary inszeniert den Originaltext, ausgehend von Anne Franks Briefen an Kitty und der Datumsstruktur im Tagebuch, vom ersten bis zum letzten Eintrag. Das Graphic Diary erweckt diese Briefe in der Verbindung von Text und Bild zum Leben, liest zwischen den Zeilen, interpretiert und verdichtet.

Sie bilden viele ganze Briefe im Buch ab. Weshalb?

Anne Frank verfügte über herausragende erzählerische Qualitäten und eine scharfe Beobachtungsgabe; diese machen das Tagebuch über das Zeitzeugnis hinaus so bedeutsam. Das wollen wir zeigen und haben deshalb das Genre aufgebrochen, damit wir das Tagebuch als Zeitdokument erhalten und den Charakter des Originals wahren können. Das Graphic Diary arbeitet mit viel Originaltext – was für ein solches Buch ungewöhnlich ist. Dies war für uns aber der einzige Weg, dem Tagebuch seine Integrität und Authentizität zu belassen. Es ist also keine Graphic Novel über Anne oder Familie Frank, sondern effektiv das Tagebuch als Graphic Diary.

Was passiert konkret im Buch?

Die Geschichte und Geschichten im Tagebuch werden erzählt. Das Graphic Diary entwickelt die Narrative im Text entlang den Texten und Daten im Tagebuch von Anne Frank. Darüber hinaus hat das Team Archive der Familie, historische Archive und viele andere Quellen verarbeitet. Hinter jeder Illustration steht nicht nur eine kreative Leistung, sondern auch viel Recherche, die zu den Illustrationen und letztlich Erzählhandlung führte.

Wie haben Sie sich für die Illustrationen und Visualisierung entschieden?

Die Illustrationen sind in Form, Kolorierung und Tradition der Zeit der Entstehung des Textes angesiedelt.

Ist Anne Franks Text im Buch?

Das Graphic Diary hat einen sehr hohen Anteil Originaltext in den vollständig publizierten Briefen aus dem Tagebuch und in den Voice Overs. Die Dialoge entstanden auf Basis des Originaltexts und Recherchen sowie natürlich dem kreativen Zugang der Autoren.

TEAM UND ENTWICKLUNG

Wie haben Sie das Team der Autoren zusammengestellt?

Es war rasch klar: Das Graphic Diary muss als eine Art Film gedacht werden. Und daher haben wir von Anfang an ein Team mit dieser Erfahrung zusammengestellt. Die grafische Erzählung folgt einer Filmstruktur. Da es zuerst um Inhalte und nicht um das Genre geht, sollten die Verantwortlichen überdies die persönliche Erfahrung mit der Zeitgeschichte einbringen. Fachkompetenz, Respekt und die persönliche Erfahrung bilden den Rahmen des Projekts.

Wie sind Sie für die Umsetzung vorgegangen?

Zuerst ging es um den Text. Es war klar, dass wir den Originaltext kondensieren und zugleich die Storyline bewahren mussten. Der Vorteil des Graphic Diary ist, dass viele der Elemente im Text wie Gefühle, Witz, Phantasie in einer Bildsprache viel mehr Einblicke in den Text selbst vermitteln können. Die Illustrationen überzeichnen den Text, machen ihn gefühlsmässig greifbar und setzen auch ins Bild, was Anne Frank zwischen den Zeilen schrieb oder nur andeutete. 

Wie viel Freiheiten hatten die Autoren?

Es gab  eine Vorgabe: Authentizität und Integrität von Werk und realen Personen zu respektieren und den Text von Anne Frank ehrlich zu inszenieren.

Im Graphic Diary hat es auch fiktionale Elemente. Ist das legitim?

Diese Elemente sind  dramatisiert, aber nie fiktional; sie entstammen bzw. basieren auf  dem Originaltext im Tagebuch. Was sich beim Lesen des Texte abspielt und was Anne Frank an Träumen, Emotionen und Wünschen formuliert hat, wird ins Bild gesetzt. 

Auf welcher Sprachausgabe basiert der Text?

Die Autoren haben mit der holländischen Originalversion und den englischen Übersetzungen gearbeitet. Die  Übersetzungen des Graphic Diary greifen auf die jeweilige Originalübersetzung sowie das holländische Original zurück. Daher kann das Graphic Diary in allen Sprachen entlang der seit Jahren verbindlichen Lesebuchausgabe gelesen werden.

Wer hat alles am Buch mitgearbeitet?

Neben Ari Folman und David Polonsky waren ein Team von Historikern, Experten, Archivaren, Lektoren und Übersetzern sowie ein anderes Team von Koloristen, Storyboardern und weiteren technischen Mitarbeitenden damit beschäftigt.

Wo ist das Buch entstanden?

Wesentlich in Israel, der Schweiz, den USA sowie natürlich teilweise im Heimatort Frankfurt und der Emigrationsstadt Amsterdam der Franks.

Im Jahre 2019 wird ein Animationsfilm herauskommen. Handelt es sich dabei um eine Adaption des Graphic Diary?

Nein. Die beiden Projekte haben weder inhaltlich noch visuell miteinander zu tun. Der Film erzählt eine Geschichte mit und um Anne Frank. Das Graphic Diary ist das Tagebuch in grafischer Form.

VERSCHIEDENE FORMEN DER TAGEBÜCHER VON ANNE FRANK

Was ist die Lesebuchausgabe des Tagebuchs von Anne Frank?

Die Lesebuchausgabe vereint die Tagebücher von Anne Frank in einem vollständigen Werk. Sie ist als weltweit verbindliche Ausgabe übersetzt und wurde von Mirjam Pressler zusammengestellt. Sie ersetzte die Ausgabe von 1947, die die auf eine gekürzte, andere Zusammenstellung  der Texte zurückgeht. 

Soll das Graphic Diary die Lesebuchausgabe ersetzen?

Keinesfalls. Die Lesebuchausgabe ist und bleibt das Hauptwerk von Anne Frank. Wir stellen weltweit sicher, dass dieses ungekürzt, ganzheitlich und in guten Übersetzungen zu günstigen Preisen erhältlich ist. Das Graphic Diary kann als Einstieg oder weiterführende Lektüre dienen, aber die Lesebuchausgabe ist und bleibt fester Bestandteil der Schullektüre. Das Graphic Diary ist als eine Ergänzung zu verstehen.

Wie unterscheidet sich das Graphic Diary, abgesehen von der grafischen Darstellungsform, von der Lesebuchausgabe?

In der Lesebuchausgabe ist der ganze Text der Tagebücher von Anne Frank enthalten. Im Graphic Diary ist der Text stark verdichtet. Zum einen werden  viele Briefe von Anne Frank an Kitty im Wortlaut integral in die Erzählung übernommen. Zum anderen werden in Voice Overs das Tagebuch und in den Sprechblasen die daraus dramatisierten Dialoge publiziert. 

Für wen ist das Graphic Diary gedacht?

Für eine internationale junge Leserschaft ab 12 Jahren. Natürlich auch für  Erwachsene, die einst mit dem Tagebuch aufgewachsen sind und dieses nun in einer neuen Form nochmals erleben können. 

Gibt es das Buch auch in digitaler Form?

Ja. In den meisten Territorien wird es das Buch in digitalen Formaten zu lesen geben. 

Was für unterschiedliche Ausgaben des Tagebuches gibt es?

Es gibt die weltweit verbindliche und autorisierte Lesebuchausgabe. Das ist die Ausgabe, die weltweit erhältlich ist und in Schulen gelesen wird. Seit 2013 sind ferner sämtliche Texte von Anne Frank in einer Gesamtausgabe vereint. Diese Ausgabe erscheint laufend in neuen Übersetzungen und richtet sich an Schülerinnen und Schüler der Oberstufe, Lehrpersonen und Studierende. Sie wird dieses Jahr in Französisch und Englisch herauskommen. Dann wird die neue "Kritische wissenschaftliche Ausgabe" der Tagebücher von Anne Frank erscheinen, eine akademische Ausgabe mit neuen Übersetzungen. 

DIE FAMILIE FRANK UND DAS TAGEBUCH

Stützt die Familie von Anne Frank das Graphic Diary?

Anne Franks Cousin Buddy Elias hat den Entscheid für das Tagebuch in dieser Erzählform von Anfang an unterstützt und entwickelte im Laufe der Zeit ein grosses Engagement für die Idee. Denn er hat gesehen, dass er damit eine wichtige testamentarische Verfügung seines Onkels Otto Frank erfüllen konnte: das Lesepublikum zu erreichen. Der Anne Frank Fonds, den Buddy Elias präsidierte, und die Familie stellen die Wahrung der Authentizität des Textes allen Projekten voran. Zugleich war für Buddy Elias, der ja selbst ein begnadeter Erzähler und Schauspieler war, klar, dass diese Form die Jugend von heute auf Augenhöhe ansprechen kann. Und zwar neben den bekannten traurigen und ernsten Kontexten der Geschichte mit in der Familie sehr verbreitetem Humor und Phantasie.

Weshalb gründete 1963 Anne Franks Vater den Anne Frank Fonds?

Otto Frank wollte sicherstellen, dass das Tagebuch weltweit in umsichtiger und verantwortungsbewusster Weise publiziert wird und die Einnahmen aus dem Buch vollumfänglich in die Gesellschaft oder in Projekte von Organisation zur Förderung von Bildung, Dialog, Koexistenz etc. fliessen. Deshalb setzte er den Fonds als weltweiten Universalerben ein. Er ist die einzige Organisation, die Otto Frank jemals gegründet und auch präsidiert hat. 

Der Anne Frank Fonds ist Universalerbe der Familie. Was bedeutet das?

Der Anne Frank Fonds stellt sicher, dass die Erbschaft der Familie in Archiven gesichert ist. Als Inhaber der Texte publiziert die Organisation diese mit den Partnerverlagen in einer weltweit verbindlichen Form in guten Übersetzungen. Der Anne Frank Fonds vergibt Lizenzen für Dramatisierungen in Theater, Film und anderen Formen. Er fördert die wissenschaftliche Erschliessung der Historie und Archive und fördert deren Vermittlung im Rahmen von Bildungs- und Erziehungsprojekten. Darüber hinaus vertritt die Organisation die Familie. 

Was geschieht mit den Einnahmen aus Buchverkäufen oder Lizenzen?

Der Anne Frank Fonds spendet sämtliche Einnahmen für Wohltätigkeit weltweit für erzieherische oder wissenschaftliche Arbeit und Projekte zur Vermittlung der Geschichte, im Einsatz gegen Diskriminierung von Minderheiten, für Rechte von Kindern sowie in der Aufklärung gegen Antisemitismus. Der Stiftungsrat des Anne Frank Fonds arbeitet ehrenamtlich.

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